Home Person Publikationen Kultur

 

Tauben im Gras

Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras wird 2011 und 2012 Zentralabiturthema Deutsch in Nordrhein-Westfalen sein. Dies ist zwar auch ein Anlass, aber nicht der einzige, eine neue Analyse und Interpretation des Romans im Rahmen der Reihe Lektürehilfen des Klett-Verlags zu verfassen. Von seiner neuen Rolle als verpflichtender Schullektüre abgesehen, halte ich den Roman für einen der überzeugendsten literarischen Beiträge zur Aufarbeitung der beginnenden 50er Jahre, der Restauration zur Zeit der Adenauer-Ära. Ihn heute vor allem einer jüngeren Leserschicht nahe zu bringen, bedarf der Kommentierung, der Deutungshilfen, die Perspektiven aufzeigen, Diskussionen anstoßen und eine facettenreiche Aneignung von Koeppens Roman ermöglichen.

 

"Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf."

Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, erschienen 1951, Romanbeginn.

 

"Wenn Koeppen die hellen Bilder, Licht und Zartheit, sieht, hält er sie fest und betrachtet sie lange. Sein Stil gewinnt dann eine Nuance schwebender Gelassenheit, die sich sehr gut mit der Schwermut verträgt: Musik und Melancholie, David und Saul, gehören zusammen. Lange zurückgehalten, beginnt in solchem Augenblick das reine Lied der Poesie, eine Kantilene aus Leonce-Bezirken, der herbe, unverfälschte Matthias-Claudius-Ton: Kreuze sind mit Blumen geschmückt, die Polen fahren in ländlichen Wagen zur Kirche, Washington Price, ein Negersoldat, träumt von seinem Haus, in dem es keine Rassentrennung mehr gibt, und in den Bäumen von Paris, in der Nähe des Boulevard Saint Michel, spürt man den Wind aus Griechenland. Wenn der Morgen kommt, verlischt Saturn, Kauz und Uhu verstummen, der Fledermausflügel erlahmt, und es wird Tag zwischen Boston und Rom - ein Tag, perlmuttern und schön, wie ihn nur Koeppen zu beschreiben versteht."

Walter Jens am 20.10.1962 in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Wolfgang Koeppen. In: Walter Jens: Von deutscher Rede. München: Piper, 1969. S. 200-213.